Der Alltag

Teil 2 · ~439 Wörter · ~3 Min. Lesezeit
Am 17. November habe ich ihn gefragt. Einen Heiratsantrag. Ich weiß nicht, ob es der richtige Zeitpunkt war, ob wir bereit waren, ob das überhaupt Sinn machte., doch ich war mir sicher genug. Ich liebte ihn Also habe ich es getan. Und er hat Ja gesagt. Und für einen Moment fühlte es sich an, als könnte das alles heilen. Als könnte dieser eine Moment, diese eine Entscheidung, alles andere überschreiben.

Danach wurde es tatsächlich etwas besser. Nicht perfekt, aber besser. Weniger Streit, vielleicht drei bis fünf Mal die Woche statt sechs. Weniger von den Momenten, in denen wir uns gegenseitig verletzt haben – nicht nur mit Worten.

Das zweite Jahr war der Alltag. Schule für mich, zuhause sein, zocken, Filme und Serien gucken, kochen, einkaufen. Alles beim Alten. Wir hatten uns aneinander gewöhnt, an die Routine, an die Art, wie wir zusammenlebten. Es war nicht mehr so intensiv wie am Anfang, nicht mehr so aufregend. Die Schmetterlinge waren weg, aber da war trotzdem noch etwas. Eine Art Vertrautheit. Eine Art Sicherheit, auch wenn sie brüchig war.

Aber die Schatten aus dem ersten Jahr waren nicht verschwunden. Sie waren nur leiser geworden. Der Streit war immer noch da, fast jeden Tag. Über Kleinigkeiten, über große Dinge, über Sachen, die wir längst hätten klären sollen, aber nie wirklich geklärt haben. Und manchmal wurde es körperlich. Wir haben uns geprügelt, beide. Nicht einseitig, sondern gegenseitig. Blaue Flecken, die wir versteckt haben. Momente, in denen ich mich danach ekelig gefühlt habe, weil ich so gehandelt habe.

Ich schäme mich heute dafür. Für die Art, wie wir miteinander umgegangen sind. Für die Tatsache, dass wir dachten, das wäre normal. Dass Liebe so aussieht. Dass man sich streitet und verletzt und am nächsten Tag wieder zusammen auf der Couch sitzt, als wäre nichts gewesen.

Aber damals habe ich das nicht so gesehen. Damals dachte ich, das gehört dazu. Dass Beziehungen eben hart sind. Dass man kämpfen muss, auch im wörtlichen Sinn. Dass das, was wir hatten, trotz allem wertvoll war, weil wir uns hatten. Weil wir nicht allein waren.

Der Antrag sollte ein Neuanfang sein. Ein Versprechen, dass wir es schaffen können. Dass wir trotz allem zusammenbleiben wollen. Und für eine Weile hat es sich auch so angefühlt. Als hätte dieser eine Moment genug Kraft, um uns zu retten.

Aber die Wahrheit ist: Man kann eine toxische Dynamik nicht mit einem Ring heilen. Man kann nicht einfach „Ja" sagen und erwarten, dass der Rest sich von allein erledigt. Und das zweite Jahr hat mir das gezeigt, auch wenn ich es damals noch nicht wahrhaben wollte.

Es war der Alltag. Und der Alltag war schön und zerstörerisch zugleich.